... die Geschichte ... die keine ist ...

Der Spielmannszug bog um die Ecke und marschierte rot-weiß und bekniestrümpft die Straße entlang. Diese trommelnde und pfeifende Kapelle zog alle Register ihres vermeintlichen Könnens. "When the saint's" schallte es von einer Häuserwand zur nächsten. Vorneweg fuchtelte eine frisch blondierte Frau den Stab zum Takt. Sie kamen näher. (Ka)

Ich versuchte ein langes, tief in die Atmung gehendes Om zu singen. Doch dieses ungehemmte Gequietsche beherrschte immer mehr den Raum. Die Meditationsrunde, in der ich mich befand, glich sogleich einer japanischen Touristengruppe. Jeder eilte zum Fenster um dem Spektakel mit erstauntem Gesichtsausdruck zu folgen. "Mensch, schau dir die ..." Ein Mann, ich schätze mal so um die vierzig, groß, braungebrannt, konnte vor Verzückung kaum sprechen, drehte sich um und zog aufgeregt am Ärmel seines Kumpels. Wie ein Mantra wiederholte sich die Bewegung der Taktgeberin, ihr zu kurz geratener Rock wippte im Gleichklang des Paukenschlags auf und ab und konnte doch letztendlich mehr Aufmerksamkeit bei den beiden Herren erwecken, als ein meditativ-gesungenes Om. Der Spielmannszug stoppte direkt unter unserem Fenster, sie standen mit dem Rücken zu uns. (Br)

Plötzlich sackte die Taktgeberin in sich zusammen. In wenigen Sekunden herrschte unten auf der Straße ein chaotisches Durcheinander. Im Raum machte sich eine erdrückende Stille breit und alle waren wie gelähmt, starrten auf das Geschehene. Ich wühlte in meinem Rucksack nach dem Handy, um Hilfe zu holen, dabei stieß ich auf einen noch warmen Gegenstand, der hier eigentlich gar nichts verloren hatte. Doch dann fühlte ich beim Herausholen, dass es ein Revolver war. Meine Gedanken rasten: war es die Mordwaffe, wer wollte mir etwas anhängen? Als Hannah laut aufschrie, drehten sich alle in meine Richtung - „mir schnürte es die Luft ab“. Aus weiter Ferne konnte man die Sirene hören - mit Meditation hatte das nichts mehr zu tun. Ich ergriff meine Sachen und im selben Augenblick traf mein Blick die beiden Männer. Ein Schaudern lief mir den Rücken herunter. Ich rannte so schnell ich konnte. Hatten meine Träume und Visionen doch Recht? (Sa)

Die Frage pochte sogar an meinen Schläfen, während die Absätze meiner Schuhe auf die Holzbohlen des Altbaus donnerten und den Lärm von Sirenen und Pauken mehrfach übertönten. Als ich die Wohnungstür aufstieß, stand vor dem geöffneten Eingang der Nachbarwohnung eine alte Dame: sie sah mich voll fragender Erschöpfung an; hinter ihr berappelten sich weitere Rentner, gingen in meine Richtung zum Ausgang. Ich erreichte die Treppenstufen und nahm die ersten Stufen im Sprung; gerade, als die Hand des einen Mannes mich an der Schulter packen wollte, aber abrutschte und sein folgender Sturz mir meine Flucht ermöglichte. Wie konnte er mich erreicht haben? Mein Vorsprung muss immens gewesen sein oder war ich zwischendurch eingeschlafen? Die Zeit stand still zu stehen und als ich mich im Vorwärtsdrängen umdrehte, da schien auch das Licht, das durch das Oberlicht fiel, als würde es sich nicht weiter fortbewegen; kein Staubkorn, kein Windzug, weder Bewegung noch Lärm sah ich ... Nur ein skurilles Bild eines hingefallenen Mannes, der mich anzublinzeln schien und von mehreren Alten umgeben war, die in unsicherer Überraschung meine Augen anzustarren schienen. Eine wahrhaft unwirkliche Szene, deren Bild ich noch vor Augen hatte, als ich feststellte, das ich im Keller angekommen war, das Erdgeschoss und den Hinterausgang zum Garten längst verpasst hatte ... Wohin? Was stimmte an dem Bild des Gefallenen und der Rentner nicht und wer war das kleine Mädchen, deren Kopf um die Eingangstür lugte? War es das Gör aus meinem Traum? Erschreckend plötzlich schlug die Tür zu dem Elektroraum neben mir auf. (Mi)

Halt! Stopp – bevor ich noch die ganze Architektur dieses Hauses beschreibe! Entsetzt starre ich auf den Monitor. Das soll ich geschrieben haben? Habe ich Drogen genommen, um so einen Quatsch zu Papier zu bringen? Das kommt davon, wenn man trotz innerer Leere kreativ sein muss, obwohl die Redakteurin Svenja däumchendrehend an ihrem Schreibtisch sitzt und auf meinen Beitrag unter „Mitmenschen“ wartet. Ich wollte eigentlich eine Eifersuchtsstory verfassen und mal zur Abwechselung in die männliche Rolle schlüpfen. Aber wieso ausdenken, wenn das Leben mir sie quasi auf dem Tablett serviert. Hannes, dieser Hundesohn, hat schon wieder was laufen und ist so dusselig zu denken, ich hätte nichts gemerkt. So ein blondes Gift mit einem IQ von 50, aber vollbusig und allzeit bereit. Darum habe ich die blöde Kuh kurzerhand bekniestrumpft und taktstockschwingend vor einen Spielmannszug gesetzt und zumindest „gedanklich“ umgelegt. Und dann diese Rentnergang hier im Haus, die wie die Zecken alle übrigen Mieter observiert und terrorisiert, meine Wenigkeit eingeschlossen. Einmal die Woche treffen sie sich zum Kaffeeklatsch, um ihre Erfolge zu feiern. Ich habe die Schnauze gestrichen voll und schiebe die Tastatur beiseite. Heute wird das nichts. Ich muss raus hier, vielleicht ins „Du und Ich“ – das müsste jetzt geöffnet haben. (Ba)

Ca. 1 Stunde später auf der Herrentoilette eines Lokals:

Da sitzt er nun. Desillusioniert, mit leerem Blick und in sich gekehrt. Wie kam er hier hin? Wie hieß das hier? Du oder ich? Er, sie, es? Wie kam er in diese Lage? Wieso? Hat sie Schuld daran? Fragen, die er nicht zu beantworten vermag. Bietet auch keinen Sinn mehr. Seine Lippen umschließen dieses rundliche Etwas. Ihm wird schwindelig. Sein Blick wendet sich zu Boden. Fliesen, die vor seinen Augen wabern, sich zu drehen versuchen und sich um eine, nein, sogar mehrere Achsen zu winden scheinen. Höhnisch lachende Fratzen schauen ihn von unten an. Punkte, die zu Augen werden. Gebogene Striche, die sich zu grinsenden Mundpartien verzerren. Seine rechte Hand umschließt weiter einen wohl in mühsamer Arbeit gefertigten, angenehmen Griff. Er bemitleidet sich selbst. Schweiß läuft an seinem Rücken herunter. Wäre er bloß nicht so eifersüchtig. Eigentlich mochte er nur Schwarzhaarige. Aber diese Blonde mit den üppig einladenden Formen, 75 b und Apfelpo, die hatte ihm den Kopf nicht nur verdreht, nein, sogar gründlich gewaschen. Als er sie aber mit diesem Typen, der sich Freund schimpfte, zusammen sah, rotierte es richtig in seinen Gehirnwindungen. Das Bild in diesem Zimmer danach wird er nie vergessen… Metallener Geschmack im Mund. Ein Schweißtropfen kugelt sich an seiner Stirn abwärts und gleitet in eine feingeschliffene Rinne, einer Bobfahrt gleich. Sie stößt ihm ins Auge. Es brennt. Sein rechter Arm fällt hinunter, den Gegenstand in der Hand festhaltend. Seine linke Hand reibt das Auge. Er ist erschöpft. Mühsam legt er den linken Arm auf den Papierhalter. Verlangen nach Ruhe. Verlangen nach ihr. Verlangen nach Geborgenheit. Es geht nicht mehr. Das Auge brennt weiter, es sticht. Ruckartig schnellt seine rechte Hand hoch. Er führt sie an sein Auge und …….. drückt ab. (Th)

Ich bin so müde. Diese taube Schwere hat mich nicht erst erfasst als ich den Widerstand der verschlossenen Tür meiner Kneipe spürte, sondern begleitet mich schon die ganzen letzten Tage. Meine Antriebslosigkeit wischt meine Gedanken darüber, warum eigentlich das "Du und ich" geschlossen ist, weg, wie ein Nebel der alle harten Konturen erst weich zeichnet und dann ganz verschwinden lässt. Ich stehe minutenlang im Nieselregen und betrachte mein Spiegelbild in der dunklen Scheibe des Lokals. Erst als ich bemerkte wie schäbig die Vorhänge und die vertrockneten Pflanzen diesen Laden erscheinen lassen, hatte ich das Gefühl schon zu viel Zeit an diesem Ort verbracht zu haben. Wie viele Stunden hatte ich am Tresen gestanden und mir die immer gleichen Geschichten angehört, die durch den steigenden Alkoholkonsum nicht besser wurden. Wie oft nach vernuschelten Anekdoten Ausschau gehalten. Wie oft habe ich Mitleid geheuchelt und aufmunternden Trost gespendet, damit ja diese Geschichten aufhören, die vor Selbstmitleid stanken. Es muss sich was ändern. Dieser Ort, diese Menschen sind mir völlig gleichgültig. Ich wende mich, ohne ein Ziel erfasst zu haben, ab und gehe durch dieses Viertel, in dem ich mich eingerichtet habe. Ich gehe an Hauseingängen vorbei, deren automatische Türöffner summen und eine eigenartige Musik in die Nacht hinaus senden. Zusammen mit dem Nieselregen erzeugt dieser Ton eine elektrische Stimmung, die mich zu erfassen scheint und meinen Schritt schneller werden lässt. Ich atme tief ein und aus und sauge den Strom in mich hinein. Ich fange an zu laufen ... (Di)

Meine Lunge schmerzt, mein Herz scheint mir meine Brust zu sprengen: Ich kann nicht mehr. Keine Ahnung, welche Richtung ich eingeschlagen hatte, keine Ahnung, wo ich mich befinde. Meine Kleidung klebt an mir. "Ruhig, Marion, hole erst einmal Luft." Ich muss erst einmal runter kommen. So einen Flash hatte ich schon lange nicht mehr und da Kondition und Ausdauer nicht zu meinen Freunden zählen. Nach einigen Sekunden - oder waren es sogar Minuten - der Besinnung, schaue ich mich um, immer noch nach Luft japsend, kurzatmig. Mein Blick fällt  auf die gegenüber liegende Straßenseite. "Was machen denn all die Menschen dort? Die stehen ja wohl nicht alle da, um mich zu begrüßen?" Menschen, glotzend, drängelnd und laut schnatternd. Polizisten, die versuchen eine Ordnung zu schaffen und Sanitäter, die mit einer Trage sich den Weg durch die Menschenmenge verschaffen wollen. (Ka)

Die sensationshungrige Meute schaut aufgeregt zum Eingang des Lokals. Ihre Blicke verraten Freude darüber, dass endlich etwas Außergewöhnliches in ihrer direkten Nachbarschaft passiert. Bisher mussten sie sich dieses Vergnügen im alltäglichen Fernsehrausch beschaffen. Ich belausche abseits eine Gruppe Schaulustige. "Ich glaube, da wurde jemand erschossen." "Nein, da hat sich jemand selbst erschossen." Die Vorstellung eines Selbstmordes scheint die Gruppe fast zu langweilen. Nach einem kurzen Moment der Stille kehren sie wieder zu ihrer ersten Annahme zurück. "Aber ich sah jemanden weglaufen, ich glaube eine Frau und sie hatte etwas in der Hand. Vielleicht eine Waffe?" "Ja, sie haben recht, ich erinnere mich, es sah aus wie eine Waffe, ich bin mir ziemlich sicher." Plötzlich drehen sie sich zu mir um und zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass sie mir schon einmal begegnet sind. Sie starren mich entsetzt an. In der rechten Hand spüre ich einen Gegenstand und begriff wie absurd die Situation ist. Ich halte die Waffe in der Hand, die Sekunden zuvor nicht existierte. Ich stehe vor dem 'Du und Ich', welches kurz zuvor geschlossen war. Durch die Menschen hindurch erkenne ich den Verletzten auf der Trage. Oder ist er tatsächlich tot? Ich bin verwirrt. Mein Verstand versagt. Ich muss Zeit gewinnen. Von diesem Gedanken beherrscht, fange ich wieder an zu laufen, drehe mich noch einmal um und sehe die gierige Meute regungslos dastehen. Ein eingefrorenes bizarres Standbild. (Br)

Ich gerate immer mehr ins Trudeln. Klare Gedanken sind wie Schmetterlinge, denen ich hinterher jage, werden immer weniger, verfliegen, sind nicht wieder einzufangen. Dafür tobt gnadenlos ein Horrorszenario in meinem Kopf – eruptiert wie ein gigantischer Vulkan und scheint mein Gehirn wegzuschmelzen. Hilfe … Nein, nein, nein… So geht es nicht mehr weiter. Ich könnte meinen brennenden Schädel wie einen Vorschlaghammer gegen die Wand schlagen. Immer wieder – immer wieder … Einschlagen, einschlagen, das wär’s … Diese Scheißdrogen bringen mich in die Hölle. Abgesehen vom alltäglichen Suff zerstört dieses Dreckszeug mein ganzes Sein. Ich halluziniere, kann nicht mehr unterscheiden zwischen Fiktion und Realität. Ich lebe in einer Scheinwelt, wo alles scheinbar scheint? Was ist das denn für ein blöder Satz? Aber doch – irgendwie ist es so. Hilfe, ich schizophreniere! Anfangs hatte ich die Drogen besser dosiert … ich fühlte mich irgendwie freier im Kopf … so abgehoben und – ja – so richtig wellnesslike. Rundherum. Teufel auch, was habe ich verdammt noch mal falsch gemacht???? Ich finde nicht heraus aus diesem irren Labyrinth, brauche immer mehr von diesem Dreckszeug und wandere auf bodenlosen Wegen in einem schwabbelnden Nichts. Es ist, als bewege ich mich im Kreise, ohne Anfang, ohne Ende. Wiederholung um Wiederholung. Ich töte, laufe weg, werde gejagt … immer wieder – bis zum Erbrechen. Ein Déjàvu oder ein Déjàvu im Déjàvu? Als ich erwache, stelle ich fest, dass ich in meinem Erbrochenen liege. (Ba)

Psssschusuittt!

Die Zigarette flog zunächst in hohem Bogen, einem ellipsenförmigem ähnlich, durch die Luft, um in der kleinen Pfütze neben dem Rettungswagen zu landen. Inspektor Canrad machte einen verdrießlichen Eindruck. Für Ledru war das nichts Neues. Hatte Canard doch seinen letzten guten Tag vor vielleicht einigen Jahrzehnten!!

Vor den beiden stand die Trage, auf dem ein mehr lebloser Körper lag. Einzig und allein das Beatmungsgerät, das dafür sorgt, dass der Brustkorb des „Spinners“, wie Canard ihn nannte, sich im regelmässigen Rhythmus hob und wieder senkte, liess Anzeichen von Leben auf der Trage erahnen.

„Können die ihn endlich mal hier wegbringen ...?“ Canard stellte die Frage eigentlich nur sich, in seiner unnachahmlich sonoren, tiefen Stimme. Ledru hatte das Bedürfnis doch zu antworten: „Die sind sich noch nicht sicher, ob sie den Hubschrauber holen, um ihn ins Zentrum zu fliegen.“ Canard beachtete ihn gar nicht. Auch das war Ledru gewohnt. Nun sind es schon 11 Jahre, die er mit Canard arbeitet. Kaum ein anderer, der wirklich Lust dazu hätte. Seit 24 Jahren ist Ledru bei der Polizei. Untadelig, fast unfehlbar, immer korrekt im Anzug gekleidet, stellt Ledru eigentlich das genaue Gegenteil von Canard dar. Canard selbst sieht aus wie die Billigausgabe von

Orson Welles. Oder wie die Reinkarnation!

Die Trage wird jetzt doch in den Rettungswagen geschoben. Nach einer Minute fährt dieser unter dem schaurigen Sirenengeräusch in die Stadt.

„Was haben wir?“ Canard wandte sich nun mit festem Blick Ledru zu. „Eine Fast-Leiche. Schuss ans linke Ohr. Hat das Ohr weggefetzt und die Schläfe fast komplett aufgerissen. Der Junge hat Schwein gehabt, dass sein Körper noch Zuckungen hat. Muss eine 38er gewesen sein. Die Waffe haben wir aber noch nicht gefunden. Warst du schon drinnen?“ – „Nö.“ – „Sieht auch aus wie beim Schlachter. Nicht nett.“ -- Klick! -- Nächste Zigarette für Canard.
„So viel Blut deutet auf noch was anderes hin.“ Der Scharfsinn von Inspektor Canard beeindruckt Ledru immer wieder aufs Neue. Leicht ironisch gedacht.

Ledru schaute auf die andere Straßenseite. Seit ca. 10 Minuten fällt ihm die wirklich hübsche, blonde Frau mit dem Apfelpo auf, die da drüben auf und ab geht und ab und zu herüber schaut. Sie sieht unschlüssig aus. So als wüsste sie nicht, wohin ... Ledru überlegte, sie anzusprechen.

Kaum, dass er einen Entschluss gefasst hätte, ging Canard schnellen Schrittes an ihm vorbei und auf sie zu. (Th)