Der Tag, an dem ich McDonalds ruinierte


Zugegeben, ganz so erfolgreich war es nicht, es gab kein ad-hoc-verschwindibus der Wabbelbrötchen-Verkaufskette Number One, aber Widerstand beginnt nun mal im Kleinen und durch Einzelne. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit agierten bundesweit Gleichgesinnte, denen (auf dem vermeintlichem Wege zu einem gelungenen) für einen schlechten Scherz nichts zu schade ist, weil sich schließlich auch das Leben auf der Erde aus etwas Winzigem gestählt haben soll.

Dennoch: ein geeigneter Titel bleibt dies allemal, um in später Runde die Aufmerksamkeit aller auf der eigenen Seite zu haben oder „später“ die Enkelkinder mal bei der Stange zu halten und ihnen das „Faszinosium Großvater“ nahe zu bringen oder?

Immerhin war ich relativ dicht dran an meinem (unbeabsichtigtem) Ziel, aber zu jeder spannenden Geschichte gehört nun mal eine Vorgeschichte, der entsprechende Prolog, der vieles verständlich macht, was ohne dies Vorwissen un- oder missverständlich bleiben muss.

So dient zur Erläuterung (und hoffentlich zu meiner später vorzunehmenden Entlastung) der Hinweis auf meine persönliche Lebenswelt, am Tag, bevor ich zu und über McDonalds kam. „The Day before you came“, wie die MCD-Kassenkraft für € 4,87/h vielleicht anschließend gedacht haben könnte, hätte sie ABBA gekannt, aber dafür war sie viel zu jung (was ich nicht als Anklage meine!).

Sei's drum, im Sommer 04, als Schalke und Rudi Assauer 100 wurden, musste ich mich mit vielen und mit vielfältigen Gelegenheitsjobs über Wasser halten, was genauso lausig war wie der Sommer, der (fast) wie eine drohende Anklage auszublieben schien. Meine Laune war insgesamt so mäßig wie die Auftragslage für meinen stadtinternen Kurierdienst, den ich geneigten Zahlungswilligen anbot. Die Übersichtlichkeit der Aufträge erlaubte sogar einem sonst so chaotischen, äh SPONTANEN Selbstständigen etwas vorausschauende Arbeit: Bereits am Donnerstagabend konnte ich eine Sendung bei einer Auftraggeberin abholen, die ich am nächsten Tage, dem Freitag, bei einer Versicherungsagentur im (mir unlieben) Osten der Stadt abgeben sollte! Wohlgemerkt: die Sendung, eine echt coole NIKON F-1000 stand zur Abgabe, leider nicht die Besitzerin, die ich auch gerne über Nacht behütet hätte.


On the Highway to the Heimway verleiten mir die Red Hot Chili Peppers und das geruhsame Gefühl, etwas Vorarbeit „geleistet“ zu haben „Flügel“: Mein Renault Rapid schoß mit mir über die Fahrbahn, die erfolglose Suche nach angemessenem Tabak, im Handy-Bestelljargon „Buch“ genannt, liess mich über den fast aus dem Fenster fliegenden Auftragsschein blicken und verursachte nicht nur einen „AHA“-Effekt, sondern ein ungleich schöneres Gefühl: denn höchstens drei Minuten entfernt von meinem Zielort wohnte Evelyn!!!

Die „immerfeuchte Evie“! Die hatte ich ewig nicht mehr gesehen und irgendwie gaukelte ich mir vor, es stünde noch ein Besuch aus, der sie verdammen sollte, mich in Strapsen zu empfangen… Aber Scheiß drauf, selbst ohne Dessous war ihr Heim ein Besuch Wert, denn sie hatte den Kellerbereich (u. a. mit meiner Hilfe) zu einem wahren Saunaparadies ausgebaut, in dem sie sich durchschnittlich immer aufhielt, sofern sie daheim war und nicht schlief. Und selbst für einen Kurzsichtigen wie mich, dessen Sehstärken mehr im Elementarbereich verlaufen, wäre der Abstecher auch ohne Sehhilfe ein frivol verlockender Traum, weil nicht nur die Räumlichkeiten gut ausgestattet waren …


Der Rest ist kurz erzählt; Rufnummer daheim rausgekramt, das Gespräch war nicht nur herzlich, es war verheißungsvoll! Die immerfeuchte Evie erkundigte sich, wie lange ich schon „singeln“ würde und auf meine Entgegnung, ob es sich so anhören würde, als ob es mir schon aus den Ohren rauskäme, meinte sie trocken: „Nein, aber mir!“

JA! STRIKE! THATS IT! Das Bett schien gemacht und es war so herrlich unkompliziert! Meine Vorfreude wurde nur noch von der einzelner Körperteile überholt!

Schwungvoll und mit einem strahlenden Lächeln in das Bett geschmissen – Weckerberechnung: 9 h 30 bei der Versicherung. Um 11 muß sie zur Arbeit, aber das sollte reichen, um gut ins Wochenende zu starten … Halbe Stunde Fahrtzeit zu diesen Vertragswerkern, na ja, dann bin ich halt um zwanzig nach Neun schon da und um kurz nach halb Zehn bei der Süßen… Gründliche Rasur und Dusche, muss ich noch tanken? Ne, 7 h 45 – einmal Sleeptaste drücken muss drin sein, sonst habe ich nicht das Gefühl, ich wäre in freier Selbstbestimmung und könne den Tag beginnen, wann ich wolle!

Es hat alles geklappt, an diesem wunderbaren Freitagmorgen strahlen sogar kleine Höfe der Sonne über das Betonwerk hinweg Heiterkeit aus und bereits um 9 Uhr und 11 Minuten konnte ich aus dreihundert Meter Entfernung die unangebracht protzige Außenwerbung dieser beknackten Versicherung erkennen.


Das wiederholte sich –
um 9 h 18,
um 9 h 27 und
um 9 h 34 ---

WELCHES VOLLKOMMEN BEKNACKTE ARSCHLOCH LÄSST DENN DIE GESAMTE FAHRBAHN INKL STANDSTREIFEN AUFREISSEN?

Um 9 h 38 hatte ich einen Parkplatz für mein Gefährt belegt, das nicht so schwer war, wie die Sprüche, die ich dem SchuPo gerne entgegen gegrölt hätte, der mich von meinem Haltepunkt vor der Zentrale verscheucht hatte. Um 9 h 49 (!) erreichte ich dann endlich diese SCH****E und fuhr mit mittlerweile aufgebrachtem und unter Zeitnot leidendem Gefühl und mit dem Fahrstuhl zur Rezeption, wo ich der Empfangstrulla (Marke „unzufrieden weil ihr die Mittelmäßigkeit aus den Poren kommt, aber wundert sich warum“) auf ihre Orientierungsfrage nur antworten konnte: „Ja, ich bin wirklich NUR der Fahrer.“
Aber, dachte ich weiter, ich bin auch viel besser dran als Du, weil ich nicht so ein furchtbarer Geräteknecht bin, der mit dem Erscheinen vermeintlicher Hierachen sein Grinsen künstlich vergrößern muss! Ihr ist dies vermutlich schon in die auffallend spitz zulaufende Visage methamorphos übergegangen.

Ich kann nicht anders: Frauen mit schmalen Lippen strahlen per se eine Lebensunzufriedenheit und Verkniffenheit aus, deren Nähe mir weh tut.

Nachdem der „zuständige“ Bürohengst ermittelt wurde und vierunddreißig andere Telefonate diesen Prozess aufhielten kam die freudige Nachricht, dass der erbetene Herr Anhäuser zum Empfang herunter kommen wird. Ich hatte so gehofft, er würde Turnschuhe tragen, aber er schälte wohl erst noch einen Satz aus einem Kaffeebecher und erschien in Cordhose und einem C & A – Hemd, das noch billiger aussah, als die Bekleidung der Dame, die mit PC und Telefonanlage kämpfte.

Aber ihm stand es und es schien ihm offensichtlich auch egal zu sein, wie er auf andere Mitmenschen wirken müsse. Sympathisch! Schließlich hatte er auch einen Mund, der den Namen verdient hatte. Der Entwurf einer Empfangsbestätigung wurde auf einen geknitterten Zettel gezaubert und abschließend mit einem Firmenstempel versehen, was ich so zuletzt in Erinnerung hatte, als ich in meiner Stammpinte über Wochen keinen Deckel zahlen konnte und der dicke Erik mich bei meinem Versuch des Davonstehlens an der Tür stellte. Der wog mindestens dreimal so viel wie die immerfeuchte Evie, deren Nähe ich für noch höchstens 32 min würde genießen können.

Der Missmut über den Strafzettel hinter der Windschutzscheibe war nicht so groß, wie die Erkenntnis, dass aus dem erhofften Stößchen höchstens noch ein Tässchen Kaffee werden würde. Gegen zehn Uhr 39 (warum gehen die Uhren an „Handys niemals richtig?) nahm ich dann relativ unbetroffen den Zettel von der Tür, der mir offenbarte, das die immerfeuchte Evelyn bereits aufbrechen musste, weil eine Kollegin heuer fehlen würde.

Das nahm mir allerdings auch die Möglichkeit, mich bei ihr über die Bösartigkeit des Vormittags auszuweinen und eine Einladung für den Abend zu erheischen… Irgendwie konnte ich nun niemanden mehr die Schuld in die Schuhe schieben, selbst die erkrankte Kollegin schied aus; ich war schlichtweg voller Enttäuschung.

Was also anfangen mit so einem beschissenen Vormittag? Richtig: Sauer verdiente € 23,45 (brutto) in ein Frühstück mit einem Kaffee zu investieren, von dem ich jetzt schon wusste, er würde selbst mit Zucker und Milch schal schmecken …

Wenn aber schon 80 % der deutschen Frauen und 96,5 % der türkischen Frauen in Deutschland über 26 ihre Molligkeit selbstbewusst zur Schau tragen (um das Untergewicht der jüngeren Damen zu kompensieren?), dann sollte ich doch auch mal richtig zulangen können, denn McDonalds hatte die bequemen Doppel-Cheesburger für einen Wahnsinnspreis im Angebot. Zusätzlicher Anreiz bei diesem Produkt ist eine zweite (Ekel-)Gurke. Das ist eine echte Herausforderung! Nicht das Herunterschlingen dieses Veganerglücks auf dem Chemierondeel, sondern die vernünftige Platzierung des klebrigen grünen Naturrestes unter dem Tisch!

Zudem hat der Ronald auch den berechenbaren Vorteil, das der Kaffee immer viel zu heiß ist, weil die Blödbacken ihn in der Kanne stundenlang auf der Kochplatte lassen! Ich liebe es!

Lustlos aber zügig hatte ich das amerikanische Lokal erreicht und durch den leeren Laden konnte ich bereits die Kassenquäke entdecken, die mich anstrahlte, als zöge ich einen Goldesel hinter mir her, der ihr die Sternentaler gleich in die grüne Schürze werfen würde. Die Uniform unterschied sie von der Versicherungs-Rezeptionsdame, deren Tochter sie ansonsten hätte sein können. Der Hang zu schlechtem Schmuck verriet ihre ostdeutsche Herkunft und die aufmerksam und sorgsam, aber etwas kokett unter dem Häubchen hervorgezogene Locke ihren Wunsch nach dem Ausleben ihrer unterdrückten Extrovertiertheit.

Zu diesem Zeitpunkt war mir eigentlich schon bewusst, das der Bestellvorgang noch etwas Konversation beinhalten würde, sie aber nicht angemessen und mutig genug reagieren würde.

Das ärgerte mich fast ein wenig, weil meine aufgestauten Energien auch hier nicht abfließen würden, aber diese Vorraussehbarkeit langweilte auch und während ich mich nach dem Angebot des Doppelcheesburgers erkundigte, blickte ich missmutig umher, Ablenkung zu finden.

Und da war er, der Wink Gottes: Der „Kassenwerbeaufsteller“ (eine fast so perfekte Verkaufsidee wie die Grabbeltische an den Kassengängen der Supermärkte) versprach folgendes:

DIE 60 SEKUNDEN-GARANTIE
Sollten sie ihre Waren nicht 60 Sekunden nach Bestellung auf dem Tablett vor sich haben, dann erhalten sie eine Cola gratis von McDonalds dazu. Spezifiziert wurde die freiwillige Erklärung noch mit dem Zusatz: Die 60 Sekunden gelten ab Nennung des Preises.

Auf meine Nachfrage, ob das ihr Ernst sei, meinte Miss Sternentaler voller Lebenskraft „JA“.
Corporate Identity liess dabei ihre Locke charmant hüpfen.

Ich äußerte, dies Angebot überraschend mutig zu finden und wollte ferner höflich in Erfahrung bringen, ob es denn schon häufig zur Beanspruchung gekommen wäre, was Miss Ostdeutschland wohl ahnte (womit sie mich erstmals angenehm überraschte) und mir zutraulich entgegengereckt erklärte, das sei „ganz neu“, was mir suggerierte, das sie wohl im ländlichen Raume aufgewachsen sein wird …

Na denn: „Einen Doppelcheesburger bitte.“ Ja, natürlich wolle ich den hier essen, wo ich schon so eine so nette Gastgeberin hätte, was sie mir mit einem Lächeln quittierte, um mir € 1,49 lauthals in Rechnung zu stellen. Während ich mit der linken Hand nach Geld suchte, erkundigte ich mich mit einem richtungsweisenden Kopfnicken, ob DIE 60 Sekunden nun laufen würden. Sie bejahte dies, während sie wiederum mit ihrer linken Hand in die Auslage greifen wollte, um das verdoppelte Kauvergnügen an den Mann, an mich, zu bringen. Als ich nun einen gurkenfreien Käse-2fach-Burger verlangte, da sah ich das erste Mal einen Anflug von Enttäuschung in ihrem Gesicht. Ich glaube heute, es war weniger die Aussicht, unter ihrer Kassenägide einen Schwarbrausenektar verlieren zu müssen, als die tatsächliche Einsicht, ich sei vielleicht gar nicht so nett, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Na denn! Da sich außer mir scheinbar niemand in diesen Laden verirren wollte und ich die nun etwas beklemmende Situation der Wartezeit galant überbrücken wollte, fiel mir nichts besser ein, als der Kassenlocke zu raten, sie könne ja die Cola schon mal einschenken während ich generös den Wechsel-Cent in die Ronald-McDonald-Kinderhilfe-Box rotieren ließ.

Relativ rasch konnte ich mit meinem Tablett abzockeln: Ein Doppel-Cheese OHNE Gurken, eine Cola (vermutlich ohne Cola) auf dem Plastik-Tragetischchen und mein lässiger Gang, der einem Triumphzug gleichkam.
SO muß sich der siegreiche Cäsar ante portas gefühlt haben; nur konnte sich der vermutlich nicht so ein Honiggrinsen leisten, wie ich es hatte.

Aber verflixt, ich war nun viel zu neugierig (oder zu eitel?), ob ihre Blicke, die ich in meinem Nacken zu spüren glaubte, wirklich auf mich gezogen hatte und sie mir skeptisch, aber doch sympathievoll hinterher schauen würde. Ich entschloss mich zu einer ruckartigen Umkehr, bei der ich zuerst fast die Cola und anschließend den Glauben verlieren wollte.

Diese blöde Landpomeranze! Sie wollte sich doch schon fast in die Küche aufmachen, anstatt mich gebührend blickvoll huldigend zu meinem Platz zu begleiten!!! Aber Rache ist bekanntlich voll Blutwurst: Ich bestellte mit dem Hinweis auf die Kleinheit des Mahles im Vergleich zu meinem großen Hunger einen zweiten Doppelcheese. Es sah wohl etwas witzig aus, weil ich dabei das Tablett vor mir hielt, wie der Pfarrer seinen Messdiener.

Der antrainierte Verkäuferinstinkt löste einen Hochgeschwindigkeitsimpuls in ihrer Hirnrinde aus:
Wieder ohne Gurke?
Sic! Du hast es drauf, Maus (dachte ich) und kopfnickte.
Ich bringe ihn den Burger an den Tisch.

Ich bedankte mich vorab und bat höflich, „meine“ Cola nicht zu vergessen!

Als ich den ersten Magenquäler verdrückt hatte, erschien bereits der zweite – in Begleitung „meines“ nächsten Beutestückes Sirups und der vielseitig Begabten, die nun als Serviererin auftrat. Ich fand, an der Kasse sah sie irgendwie freundlicher aus; in ihrem Gesicht fand sich kaum noch Zuneigung wieder.

Die Bürde der zweiten Cola verdarb mir fast das Essen, ich hatte anständige Mühe, die erste leer zu trinken, um mit dem erfolglosen Strohhalmschlürfen im Gefäßboden dem kompletten Restaurant zu signalisieren, das ich ausgetrunken hätte.

Mittlerweile waren Gäste hinzugekommen, LKW-Fahrer und so Möchtegern-Netzwerkbetreiber oder so. Na ja, auf das Rülpsen verzichtete ich, aber pullern musste ich nun dringend. Weil ich ein netter Mensch bin, habe ich das Tablett genommen, es weggeräumt und wurde sogar verabschiedet, als ich mich zur Ausgangstür bewegte, in deren Nähe das WC sich für Verabredungen bereit stellte.

Da war die Verwunderung aber groß, als ich unverhofft und glücklich nach getanem Geschäft erneut vor der Kasse der jungen uniformierten Gastsstättenfachkraft stand! Bewaffnet mit einer noch unangetasteten Coke war mein Erstaunen nicht geringer als ihres, denn die gebeutelte Kassenkraft trug mittlerweile ein Namensschild. Auf diesem stand: Anhäuser! Das kannte ich doch!

Ob ihr Vater bei einer Versicherung in der Nähe arbeiten würde wollte ich natürlich wissen. Sie verneinte mit dem Hinweis, sie hätte ihr Namensschild vergessen, dies gehöre einer Kollegin.
„Wenn sie schon Sachen tragen, die ihnen nicht gehören; verkaufen sie mir dann wenigstens Essen, das ihnen auch nicht gehört?“

Ja, tat sie! Zum Glück war der Feldversuch Fisch-Mäc gerade zur Neige; ich bestellte seelenruhig ein reguläres Produkt ohne Sonderwunsch in der Sicherheit, meine Gratiscola zu ergattern.Alles andere wäre auch irgendwie feige gewesen oder?

Ich kaute dann relativ lustlos auf diesem Teil herum, blubberte etwas in der Gratiscola herum und beobachtete die Verkaufstheke sowie die Abläufe in der Küche, um meinen nächsten, letzten Streich vorzunehmen. Diesmal sollte es schon etwas Besonderes werden. Auch wollte ich die mittlerweile entstandene Front zwischen der Warenanpreiserin und mir, dem bösen Colaschinderer, gerne etwas auflockern. Es sollte eine neue Idee her.

Erschwert wurde meine Vorbereitung etwas durch das Fehlen des Sichtungsmittels „McDonalds-Ablaufzeiten-Kontroll-Uhr“, an der jeder Dussel die Halbwertzeit der Produkte realisieren konnte: die war nun wirklich nirgends zu entdecken.

Problem 2: Die Frequenz der Gäste und damit die vorbereitende Produktion hatten mittlerweile zugelegt. Ich wollte aber auch diese Runde überstehen ohne ein langweiliges „ohne irgendwas“. Ich hoffte, Verkäuferreue und Unschuldsvermutung würden ein harmonisches Verhältnis re-intakten können.

Da geschah es, das Gott erneut ein Zeichen sendete: Ein bebrillter Nachzügler-Jesus Ende zwanzig und im 24 Semester Pädagogik und Asta-Schwulenreferat hatte sich in diesen Laden verirrt und wollte eine Apfeltasche, auf die er allerdings noch vier Minuten warten sollte und nicht gleich essen dürfe, weil sie noch zu heiß sei… Ratet, was er stattdessen wählte: Richtig! Einen Salat! Manche Leute haben Essgewohnheiten…
Ratet, was ich bestellte, der ich diese Vorlage nicht unverwertet lassen wollte (Ich heiß ja nicht Klose). Die Wartezeit an der Kasse war nicht so entspannend, wie ich gehofft hatte und auch die Herausgabe der Gratis-Cola erfolgt diesmal nicht so reibungslos. Fast hatte ich den Eindruck, dieses Kassenpersonal wird immer respektloser. Aber vor allem frecher! Den Hinweis auf meine andere Cola, die noch zu dreiviertel voll wäre, eine weitere Unangetaste und die dort auf meinem Platz stünden konnte ich ausbügeln mit dem Hinweis, diese stünden nun mal dort, eine weitere mir nun aber zu, weil so das Angebot gewesen wäre und ich möchte die zum Mitnehmen mit einem Deckel versehen wissen.

Das beruhigte die Belockte und auch den Manager des Lokals, den ich nun zum ersten Mal sah, wie er neugierig aus seinem Büro schaute. Unzufrieden?

Unzufrieden war ich, als ich wieder an meinem Platz saß mit einem auf die Rinde fischlos genagten Seeburger, einer Apfeltasche, die ich noch nicht essen durfte (und auch gar nicht mag) und zwei vollen Coli zum Mitnehmen und einer fast vollen zum hier trinken. Die Üppigkeit des zwischenzeitlich Mittagsmahl gewordenen Frühstücks half mir nicht über die Traurigkeit des Augenblickes hinweg. Ich hatte es mir vermutlich mit einem Menschen verscherzt, den ich gar nicht kannte und der mich auch unter normalen Umständen gar nicht gemocht hätte. Deswegen war es eigentlich auch möglich, das noch etwas eskalieren zu lassen und als eine fünfköpfige Gruppe von zehnjährigen Schuljungen hereinstürmte, deren Körperfülle für mindestens drei weitere Mitschüler gereicht hätte, nutzte ich die Chance und stellte mich hinten an!

Es war leicht auszurechnen, dass ich mindestens fünf Minuten in der Schlange anstehen müsste, weil die Knaben viel zu aufgeregt waren vernünftig und entschieden zu bestellen. Meine bloße Präsenz sollte eigentlich ausreichen, dass die Kassiererin in dieser Zeit ein gerütteltes Maß an Ärger über meine zu erwartende Bestellung aufbringen würde. Wenn nicht, wäre sie nach den Naseweisen sicherlich schon angeschlagen zerrüttet sein, das mir etwas einfiele, ihr den Rest zu geben.

Der zweite Scheißer bestellte dann einen 2fachen Käseburger. Er wollte sich doch anschicken, noch eine Cola dazu zu kaufen, musste allerdings seine Geldwertbestände ausdauernd überprüfen. Als solidarischer Mitkonsument nutzte ich die Gelegenheit, ihm zu erklären: „Wenn Du den Doppelcheese OHNE Gurken bestellst, dann bekommst Du die Cola gratis dazu.“

Das Gesicht von Miss Verkaufsschlager wollte gerade dem Druck aus dem Bauch nachgeben, als mir der Manager die Vorstellung komplett verdarb, denn er schlug die Nachbarkasse auf und meinte jovial: „Kommen sie auch an diese Kasse bitte.“

Das brachte mich etwas aus dem noch nicht gestrickten Konzept; Hilfe heischend schaute ich nach meinen unbewachten Coli und der Apfeltasche. Einer der dicken Mehrzeller drängte wie erhofft in die Bresche. Derweil erbrachte die Recherche der Auslage keine stimmungserheiternden neuen Ideen für eine erfolgversprechende Gratis-Bestellung, aber die Erkenntnis, das Miss Tausendschön dem Manager wohl gerade an der Produktauslage steckte, das ich ein ganz schlimmer Finger sei. Als ich denn nun die Bestellung vollziehen musste, war mein Ideenreichtum noch immer nicht angeheizt und ich hangelte mich mit der Frage nach dem Preis für einen Big Mäc durch.

„Ihre“ Kasse war mittlerweile leer und sie verfolgte angespannt den Verlauf des Verkaufsgespräches. Er nannte mir den Preis und anschließend einen doppelt so hohen mit der Ergänzung „wenn mit ohne Gurken“. Da hatte ich ja wohl einen ganz Schlauen erwischt, der auch noch vor seinen Angestellten den Oberklugen mimt. „Ich nehme dann lieber den Günstigeren“ bestellte ich einsichtig. Der stand auch keine zehn Sekunden später auf meinem Tablett (das nennt man Back-Up oder?).

Dies war der eine kurze Moment, wo eigentlich alle Beteiligten zufrieden waren. Der Manager, der nun der Held des Ganzen war; die Frau Anhäuser, die eigentlich einen anderen Namen trägt, weil ihr Peiniger in seine ihm zustehenden Grenzen verdrängt wurde und auch ich war happy, weil ich nämlich in diesem Moment die passende Idee hatte, diese aufkeimende Harmonie noch vollends zerstören zu können: „Dann nehme ich noch eine Pommes dazu, bitte“ fing ich vorsichtig an.

Alldieweil Herr Held mir nach einem Preis auch noch ein Lächeln zuwarf, hatte sich das fleißige Fräulein schon auf dem Weg zur Kartoffeltheke gemacht, als sie in ihrem Rücken „die Pommes ohne Salz“ hörte: Zu gerne hätte ich ihr Gesicht in diesem Moment sehen mögen!

Das war nun aber wirklich das Ende guten Geschmacks. Mindestens nachdem ich den Big Mäc zur Hälfte aufhatte! Mein Platz ein Schlachtfeld, aus dessen Ecken Cola-Becher wie Türme herausragten. In der Mitte halbverzehrte Bestandteile moderner Essbanausität. Von der Schlacht unversehrt blieb die Apfel-, die in meiner Seitentasche der Hose verschwand.

Damit war ich zum Finale gerüstet! Ich hatte mir fest vorgenommen, von diesem Unsinn doch noch etwas zu haben und ging zum Verkaufsplatz, um mit dem Manager über den Tausch „meiner“ Coli zu Bierdosen verhandeln zu wollen, da hätte ich dann einen netten Nachmittag haben können.

In meinen forsch vorstoßenden Angriff fiel allerdings so eine Kleinfamilie, die sicher mit einem dieser Familien-Vans durch die Gegend kutschieren und blockierte eine aussichtsreiche Verhandlungsposition mit einer viel zu demokratischen Bestellung, bei der jedes Gör Einzelwünsche anmelden durfte. Und dann sogar noch seine Frau! Das dauerte mir aber entschieden zu lange und ich bot dem verdutzten Vater an, Original-McDonalds-Cola bei mir günstiger zu erwerben: ich würde sie ihm an den Platz bringen und hätte gerade drei zum Preis von einer Schwarzbrause im Angebot.

Dann ging alles sehr rasch und ich wurde von dem Gaststättenbetreiber doch tatsächlich an der Tür und persönlich verabschiedet. Drei der vier ankommenden Monteure erhielten von mir ein Colageschenk und freuten sich darüber, daß ich doch tatsächlich auch mal in ihrer Firma gearbeitet hätte.

Die „60 Sekunden Cola“ gab es am darauf folgenden Mittwoch in keinem der drei McDonalds-Läden die ich anfuhr, als ich abends von der immerfeuchten Evie kam. Die heißt übrigens so, weil sie daheim die Saunagänge pflegt und in der Zwischen-, der Arbeitszeit, Bademeisterin ist.

Da alle drei „Stores“ dieser Kette gleichzeitig auch „McDrives“ waren, ließ ich mich dazu hinreißen, auch überall diese Möglichkeit auszunutzen und bestellte dann jeweils einen „McDrive“. Bei meinem dritten Versuch war ich dann schon relativ souverän; der Kassen-Ali streckte die Waffen und ich hatte den Chef am Apparat. Das ich nur für den angepriesenen McDrive halten würde, der so großflächig beworben würde und ich doch ansonsten wenigstens einen Autoschalter erwerben wolle und wozu der denn nütze. Aber sein Konter war klasse: Ich durfte in den Laden und in die Küche und mir meinen McDrive selber machen.

Am nächsten Abend kam ich zufällig erneut an diesem MCD vorbei, hatte diesmal einen ehemaligen Bundeswehr-Bulli zu steuern und bestellte: „Moin ihr Luschen, macht mal etwas Dampf in der Küche. Ich benötige für meine Kameraden
- 28 Hamburger
- 41 Cheeseburger
- 17 Big Mäc
- 24 Pommes
und 16 Cola.

Ali war wieder am Driveschalter und heißt Mustafa, wie ich erfahren konnte, weil er in seiner hereingebrochenen Hektik, die er auf die Küchenkräfte verteilen wollte, den Kippschalter seiner Sprechhaube nicht umlegte.

Nach einer angemessenen Wartezeit, in der die ersten Brötchen in die Wärmeklappen gestopft worden waren, erklärte ich die Bestellung zum Scherze und meinte:

„Ich wollte nur einen McDrive.“

Na ja, was soll ich euch sagen: beim heutigen Quartalsreinigen, das ich wohl zuletzt vernachlässigt hatte, da fand ich in meinem Fahrzeug eine ziemlich erholt wirkende Apfeltasche! Ich schenkte sie einem Obdachlosen, der trank gerade Anheuser Busch!